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Scania startet MCS-Einsatz im deutschen Fernverkehr

Der elektrische Fernverkehr in Deutschland bekommt einen weiteren Praxistest: Scania hat erstmals einen batterieelektrischen Lkw mit Megawatt Charging System (MCS) an einen deutschen Kunden übergeben. Betreiber ist die B&H Spedition GmbH & Co. Logistik KG. Der Scania 40 S soll bundesweit im Fernverkehr eingesetzt werden und dabei zeigen, wie sich hohe Batteriekapazität und besonders schnelles Laden im täglichen Logistikbetrieb miteinander verbinden lassen.

B&H verfügt über eine Flotte von elf Lastwagen. Mit dem neuen Fahrzeug steigt die Zahl der batterieelektrischen Lkw im Unternehmen auf drei. Für die Spedition spielen nach Angaben von Scania neben den Betriebskosten insbesondere das Interesse an der Technologie und die grundsätzliche Entscheidung für den elektrischen Antrieb eine Rolle.

623 kWh Batterie und Megawatt-Anschluss

Der eingesetzte Scania 40 S verfügt über eine Batteriekapazität von 623 kWh. Die Energiespeicher sind bei dieser Ausführung unterhalb der Fahrerkabine angeordnet. Scania bietet seit diesem Jahr Konfigurationen mit bis zu sieben Batteriepaketen an, wodurch sich die verfügbare Kapazität gegenüber früheren Varianten weiter erhöhen lässt.

Entscheidend für den neuen Einsatz ist jedoch nicht allein die Größe des Batteriespeichers. Der Lkw ist mit einem Anschluss für das Megawatt Charging System ausgestattet. Damit kann das Fahrzeug deutlich höhere Ladeleistungen aufnehmen als mit herkömmlichen Schnellladesystemen. Im praktischen Betrieb erreichte der Scania laut Hersteller eine Ladeleistung von rund 750 kW bei einer Stromstärke von bis zu 1.000 Ampere. Unter diesen Bedingungen soll sich die Batterie innerhalb von etwa 45 Minuten von zehn auf 90 Prozent laden lassen. Das entspricht einer Energiemenge von rund 498 kWh, die innerhalb dieses Zeitfensters nachgeladen wird. Damit nähert sich das Laden stärker dem bestehenden Arbeitsrhythmus im Fernverkehr an: Ein längerer Ladestopp kann mit einer ohnehin erforderlichen Fahrerpause verbunden werden.

Laden im Depot und unterwegs

B&H lädt den Elektro-Lkw am Wochenende im eigenen Betriebshof. Während der Fahrten wird dagegen auf öffentliche Ladeinfrastruktur zurückgegriffen. Nach Angaben von Scania nutzt das Unternehmen dabei bevorzugt das Netz des Ladeinfrastrukturbetreibers Milence. Auch der MCS-Anschluss des neuen Lkw wurde bereits während des laufenden Betriebs eingesetzt. Gerade diese Kombination ist für den Fernverkehr entscheidend. Ein Elektro-Lkw kann seine Vorteile nur dann vollständig ausspielen, wenn neben leistungsfähigen Fahrzeugen auch ausreichend dimensionierte Ladepunkte entlang der wichtigen Transportachsen zur Verfügung stehen. Deutschland verfügt inzwischen über erste öffentliche MCS-Anlagen. Im Rahmen des HoLa-Projekts wurde beispielsweise an der Autobahnraststätte Lipperland Süd ein MCS-Ladepunkt mit bis zu 1,2 MW Leistung in Betrieb genommen. Das Projekt untersucht neben der Ladetechnik auch Fragen zur Netzintegration, Standortwahl und Wirtschaftlichkeit.

MCS soll die Pause zum Ladefenster machen

Die Entwicklung des Megawattladens zielt auf einen zentralen Punkt im elektrischen Fernverkehr: Die Ladezeit soll möglichst wenig zusätzliche Standzeit verursachen. Bei einer Leistung im Megawattbereich lassen sich innerhalb einer typischen Fahrerpause große Energiemengen nachladen. Auf der IAA Transportation 2026 demonstrierten Scania, MAN, Daimler Truck und Milence deshalb das MCS-Laden als Lösung für den Langstreckeneinsatz. Nach Angaben der beteiligten Unternehmen können Lkw-Batterien während einer 30- bis 45-minütigen Ruhepause auf bis zu 80 Prozent oder je nach Ausgangslage vollständig geladen werden.

Scania sieht dabei noch erhebliches Entwicklungspotenzial. Bei der IAA nannte das Unternehmen 1.000 Ampere und rund 750 kW als Ausgangspunkt für die aktuelle Technologie. Perspektivisch seien mit dem MCS-Standard Ladeleistungen von mehr als drei Megawatt denkbar.

Größere Batterien sollen Reichweitenproblem entschärfen

Parallel zur Einführung des MCS-Anschlusses arbeitet Scania an Fahrzeugkonfigurationen mit noch größerer Energiereserve. Im September stellte der Hersteller eine Variante vor, bei der zusätzliche Batteriepakete hinter dem Fahrerhaus untergebracht werden. In Verbindung mit einer speziell ausgelegten Fahrzeugfront und einer 6×2-Konfiguration sollen damit elektrische Reichweiten von bis zu 720 Kilometern möglich werden. Die zusätzlichen Batterien bringen laut Scania rund 356 kWh installierte Kapazität.

Das zeigt, wohin sich elektrische Fernverkehrs-Lkw entwickeln: Reichweite und Ladegeschwindigkeit werden nicht mehr isoliert betrachtet. Größere Batterien reduzieren die Zahl notwendiger Ladestopps, während MCS dafür sorgen soll, dass die verbleibenden Stopps möglichst kurz ausfallen.

Infrastruktur bleibt der entscheidende Faktor

Mit dem neuen Scania bei B&H gelangt die MCS-Technik einen weiteren Schritt aus der Demonstrationsphase in den regulären Logistikbetrieb. Gleichzeitig wird deutlich, dass die Fahrzeugentwicklung allein für den Markthochlauf nicht ausreicht. Auf der IAA Transportation verwies der VDA auf den erheblichen Bedarf an öffentlich zugänglichen MCS-Ladepunkten. Bis 2030 könnten nach Verbandsangaben europaweit rund 35.000 solcher Ladepunkte erforderlich sein. Derzeit ist das öffentliche Angebot noch deutlich kleiner.

Für Speditionen bedeutet das: Die Frage, ob ein batterieelektrischer Lkw auf einer bestimmten Fernverkehrsroute wirtschaftlich eingesetzt werden kann, hängt zunehmend nicht nur von Batteriegröße und Fahrzeugpreis ab. Entscheidend ist auch, ob entlang der jeweiligen Strecke zuverlässig leistungsfähige Ladeinfrastruktur verfügbar ist. Der neue Scania 40 S von B&H liefert dafür einen weiteren Praxistest. Er verbindet eine große Batterie mit MCS und soll zeigen, wie sich elektrische Langstreckenverkehre unter realen Bedingungen organisieren lassen. Der nächste Entwicklungsschritt dürfte deshalb weniger allein im Fahrzeug liegen, sondern in einem flächendeckenden Zusammenspiel aus Lkw, Ladepunkten, Stromnetz und Logistikplanung.

Bilder: Scania

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